Das Gefühl, wenn…

…du über eine Kreuzung gehst und geradeaus weitergehen möchtest und von rechts ein Fremder kommt, wegen dem du beschleunigst, um noch vor ihm vorbeigehen zu können und er überraschend auch im gleichen Moment in die gleiche Straße abbiegt und ihr die gleiche Geschwindigkeit habt und dann nebeneinander hergehen müsst – bis sich einer absichtlich zurückfallen lässt.

Die Sache mit den leisen Nachbarn

Ich weiß nicht genau, ob in der Wohnung neben uns ganz still und heimlich neue Mieter eingezogen sind, ob mein Nachbar eine neue Freundin hat oder ob es sich um eine Nachbarin handelt, die eh schon immer da war und durch mysteriöse Kräfte über Nacht gleich zwei neue Instrumente gelernt hat. Jedenfalls tönen seit kurzem Gitarren- und Geigenklänge durch die gemeinsame Wohnzimmerwand. Die Gute strapaziert meine Nerven zwar zum Glück nicht mit Anfängergeklimper und –gefidel, aber teilweise ist es trotzdem nicht unbedingt angenehm, gezwungenermaßen Musik hören zu müssen. (Besonders wenn ich nicht zum zehnten Mal Sex and the City rebinge, sondern tatsächlich etwas schaue, wo ich nicht mitsprechen kann und somit die SchauspielerInnen auch ganz gerne akustisch verstehen würde.)
Ich bin jetzt doch schon seit einiger Zeit in dieser Wohnung und dachte immer, die Wände sind super dick und lärmundurchlässig, weil ich hier erstens mein Wohnzimmer oft genug zum Fitnesscenter umfunktioniert habe und dabei auch ausgiebig über ein Seil sprang (worüber sich nie jemand beschwert hat bzw. bei einer Begegnung im Aufzug mit den Herrschaften unter uns kam auf die Nachfrage ein „Sie springen Seil? Wirklich? Nie gehört, nein.“ zurück) und zweitens auch ich die Nachbarn über und neben uns nie gehört habe. (Außer natürlich es stemmt jemand die Fliesen aus dem Bad, dann hört es sich immer so an als ob der Handwerker direkt neben meinem Bett stehen würde – eh klar.)
Jetzt aber stellt sich plötzlich heraus, dass das alles ein Irrtum war und absolut nicht der Wahrheit entspricht! Es waren nur einfach meine Nachbarn scheinbar immer sehr, sehr leise. Als die Gitarristin in der Nebenwohnung letztens 4 Non Blondes schmetterte und ich sie so klar hören konnte, dass in meinem Wohnzimmer Lagerfeueratmosphäre aufkam und ich mit einem „And I say yeaaaah yeeeyeyeyyey“ gleich mit einstimmen wollte, stand mir plötzlich der blanke Horror ins Gesicht geschrieben. Wenn ich sie so gut höre, dann bedeutet das wohl oder übel auch, dass mich meine Nachbarn immer glasklar und mehr als gut gehört haben, als ich vor diversen Karaokenächten lautstark „Toxic“ von Britney Spears, „Whats my age again“ von Blink oder „Teenage Dirtbag“ von Wheatus gegröhlt habe, um mich ganz trashig auf den Abend vorzubereiten. Oder als ich damals vor Jahren, als „Pitch Perfect“ herauskam, stundenlang den Cup-Song geübt und ihn danach ganz euphorisch über mein neues „Talent“ tagelang immer wieder geklopft und gesungen habe. Uah. Peinlich. Ich suche bereits panisch nach einer neuen Bleibe.

Ich hab da was gehört.. #26

Eine Freundin erzählt mir von ihrem letzten Date:
Sie und er sitzen in einem Lokal und stellen bei ihrer Unterhaltung zufällig fest, dass sie beide gerne und regelmäßig ein bestimmtes Wiener Bad besuchen, um dort in die Sauna zu gehen.
Er: „Aah.. ich war mir ja zuerst nicht ganz sicher, ob du das bist, aber jetzt weiß ich es fix. Ich hab dich schon in der Sauna gesehen!“
Sie erzählt mir, dass dort nie allzu viel los ist und sie dort so gut wie alle vom Sehen her kennt, weil sie sehr oft dort ist. Ihn hat sie dort aber noch nie gesehen. Da dort die meisten 50+ sind, hätte er ihr auffallen müssen, meint sie.
Sie: „Ach wirklich? Ich hab dich noch nie dort gesehen. Wie kannst du sicher sein, dass ich das war?“
Er: „Du gehst nach jeder Saunarunde immer in das linke Becken auf der rechten Seite.“
Sie erklärt mir, dass es dort vier verschiedene Becken zum Abkühlen gibt.
Sie: „Oh.. äh ja.. das war dann wohl ich. Du hast gesehen, dass ich mich immer in dem einen Becken abkühle? Das heißt du hast mich beobachtet?“
Er: „Na ja weißt du.. es fällt auf, wenn dort so eine junge, hübsche Frau ist. Da schaut man schon gerne hin.“
Sie meint, um zu wissen, dass sie immer nur in dieses eine Becken geht, muss er sie über Stunden oder gar über Tage beobachtet haben. Und das noch dazu irgendwo versteckt in einer Ecke. Creepy! Es war übrigens wenig überraschend das erste und auch letzte Date.

Grätzlgschicht: Der Alkohol und die Ehrlichkeit

Letztens war ich an einem gemütlichen Samstagabend mit meiner besseren Hälfte im Kino. Nachdem wir Benedict Cumberbatch zugeschaut hatten, wie er mit Dormammu verhandelte, stellten wir fest, dass wir beide den ganzen Tag viel zu wenig gegessen hatten und hungrig waren. Da es schon kurz vor 23 Uhr war, entschieden wir uns dazu, noch bei einem relativ neuen Restaurant in unserer Gegend anzurufen, um zu checken, ob wir denn um die Uhrzeit noch etwas zu essen bekommen. In diesem Lokal verbrachten wir wenige Wochen zuvor schon einige Stunden und waren rundum begeistert. Der Herr am anderen Ende der Leitung war sehr freundlich und versicherte uns, dass der Koch noch ein paar Minuten länger bleiben kann und wir noch verköstigt werden, wenn wir denn bald mal eintrudeln. Sehr nett. Zehn Minuten später waren wir dort. Und dann begann ein Abend, der auf der Skurrilitätenskala ganz schön viele Punkte einheimsen konnte. Anfangs noch alles normal – wir bestellten, bekamen unser Essen, aßen (es war wieder köstlich!), tranken langsam aus und wollten gehen. Es war mittlerweile ca. Mitternacht und im Lokal nicht mehr allzu viel los.
Und jetzt folgten Szenen, die Schülern im Unterricht unter dem Motto „Verdammt, habe ich das gestern wirklich gesagt/getan? Finger weg vom Alkohol!“ oder aber neuen Lokalbesitzern unter dem Motto „Don’t drink and entrepreneur“ gezeigt werden sollten.

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Es begann damit, dass drei Personen die Bar betraten, die vom Personal laut und überschwänglich begrüßt wurden. Diese offensichtlichen Stammgäste stellten sich als Italiener heraus und wenige Minuten später wurden nur mehr italienische Schlager aufgelegt und laut mitgegrölt – von Gästen sowie Personal. Der Kellner, der sich später als einer der Besitzer zu erkennen gab, kam an unseren Tisch, entschuldigte sich dafür, dass es jetzt schon „ein bisserl wild zugeht“ und bestand darauf, uns auf einen Averna einzuladen. Eigentlich wollten wir uns schon auf den Weg machen, aber gut – so ein Angebot an einem Samstagabend lehnt man ja nicht ab. Sobald wir die Gläser mit dem braunen Kräuterbitter  in der Hand hatten und anstießen, musste er jedoch noch einmal an den letzten noch besetzten Tisch, um zu kassieren. Da stellte sich ein anderer Herr, der sich als Chef 2 herausstellte, an unseren Tisch und begann mit uns zu plaudern. Er war sturzbetrunken und tat sich schon etwas schwer dabei, richtige Sätze zu formulieren.
„Ihr zwei warts die, die angerufen haben, oder?“ „Ja genau.. danke nochmal, dass der Koch extra länger geblieben ist.“ „Also ich muss sagen: SO TOLL, dass ihr angerufen habt! Das hat mich SOOO gefreut!“ „Oh.. ja gerne. Kein Problem. Wir wussten halt nicht genau wie lange bei euch die Küche offen ist und wollten sichergehen…“ „Na wissts ihr… SO kann man arbeiten! Das war wirklich seeehr suuuper von euch!“ „Jaaa kein Ding.“ „NEIN WIRKLICH! Das war echt so toll!! Unglaublich. Weil SO kann man nämlich arbeiten!“ (Das ging noch ein wenig länger so weiter…)
Na gut. „Etwas“ too much weil Alkohol, aber im Grunde ja sehr lieb. Im weiteren Gespräch verriet uns der angetrunkene Inhaber jedoch mehr als er vermutlich wollte. „Hats euch geschmeckt? Also ich muss ja sagen… mir gings immer nur ums Bier. Ich wollt immer nur unser Bier verkaufen! Die Burger waren mir komplett wurscht. Ich hab wirklich keine Ahnung, warum die so gut ankommen! Die hat kein Koch entwickelt oder so! Wir haben einfach irgendwas zamgschmissn und ihnen irgendwelche Namen verpasst, die uns grad eingefallen sind! Also überlegt haben wir uns da wirklich gar nix. Und jetzt schreiben alle im Internet, dass die Burger bei uns so gut sind.. ich versteh das eigentlich gar nicht!“
Okay. Aufhören. Das ist eindeutig zu viel Information.

Wenig später kam Chef 1 zurück und als er empört feststellte, dass Chef 2 seinen Averna ausgetrunken hatte, wurde er leicht grantig. Wir wollten die Situation mit Smalltalk ein wenig entschärfen und fragten nichtsahnend, wie lange es das Lokal denn schon gibt, ob sie davor schon etwas in die Art gemacht hatten, woher sie denn sind – und wer denn von den zweien eher der Unternehmer und wer eher der Kreative sei. Letzteres war keine allzu gute Idee.
„Also ich bin beides. Ich muss mich ohnehin um alles kümmern.“ „Jaaaa natüüürlich. Nuuur du bist für unseren Erfolg verantwortlich, gell? Weil ich mach ja absolut gar nix hier.“ „Na bitte was machstn groß? Ich bin ständig überall eingespannt und bin für so gut wie alles verantwortlich.“ „Jaja ist schon gut.. stells nur so hin. Passt schon.“ „Na ist doch wahr!!!“
Puh. Für das weitere Streitgespräch entfernten sie sich zum Glück von unserem Tisch und wir kramten nach dem Geldbörserl, um wirklich endlich gehen zu können.

Daraus wurde (noch) nichts. Bevor wir unser Geld loswerden konnten, begannen Chefs sowie Stammgäste Gläser in eine große Kiste in die Ecke zu schmeißen um sie klirrend zerscheppern zu lassen. Wtf? Nur zur Erinnerung: Es handelte sich nicht um ein schäbiges Eckbeisl, sondern ein relativ schönes, stylisches Restaurant. Auf unsere etwas irritierten Blicke folgte ein: „Wir kriegen neue Gläser und müssen die alten loswerden. Außerdem mach ich gerade eine schwere Phase in meinem Leben durch. Kommts her und nehmts die kleinen Gläser auf eurem Tisch mit! Machts auch mit mit uns! Geht schon! Habts ihr schon mal in eurem Leben einfach so ein Glas zerschmissen? Das ist total befreiend! Kommts her!“

Den krönenden Abschluss bildeten ein weiterer Limoncelli aufs Haus und feste, enge Umarmungen und Küsschen auf die Wangen von dem vorhin schon begeisterten Chef 2 für beide von uns bevor wir endlich in die kalte Nacht hinausflüchten konnten.

G-rant: Kommen Sie herein, wir sind sexistisch.

Während sich mittlerweile viele Lokale und Läden „If you are racist, sexist, homophobic or an asshole …don’t come in“ auf die Fenster und Türen kleben, hängen sich slowakische Barbesitzer große Banner mit Internetbewertungen wie „The hottest, most sexist and sexiest bar in the city“ auf die Fassade. Ich staunte nicht schlecht und musste es schon in etwa fünf Mal lesen, um es so richtig glauben zu können. Soso. Sexistisch zu sein ist in Bratislava also ein Aushängeschild. Hm. Ja, das kann man schon so machen, aber dann ist man halt ein Arschloch. Da fragt man sich wirklich, ob die Herrschaften denn überhaupt wissen, was Sexismus bedeutet. Ich weiß auch gar nicht, ob das heißen soll, dass die Besitzer, das Personal oder doch die Gäste, die sich dort aufhalten, sexistisch sind. (Ich gehe sehr stark davon aus, mit Sexismus ist hier nicht gemeint, dass Männer mehr für die Getränke zahlen oder Frauen zu jedem Cocktail ein gratis Sandwich bekommen.) Fakt ist: Dieses Barrock wird gerne als sexistisch bezeichnet und brüstet sich auch noch damit. Es steht da eigentlich schon als Aufforderung. Es schreit: Hey Männer, bei uns ist es vollkommen in Ordnung sexistisch zu sein. Wir stehen sogar dafür! Also grabt sie bei der Pussy. Oder zeigt ihr zumindest verbal, dass sie ein Objekt ist. Sie sagt nein? Das meint sie nicht so.

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Aber mal davon abgesehen, dass ich das schrecklich finde, finde ich das ziemlich gut. Von außen sah das Lokal nämlich im Großen und Ganzen nach meinem Geschmack aus: Gemütlich, nicht schick, schummriges Licht, günstiges Bier und es dürfte bei dem Lokalnamen wohl Rock aus den Boxen kommen. Spricht also eigentlich alles für einen Besuch. Nur diese eine Zeile neben der Eingangstür zeigte, dass man dem ersten Eindruck eben manchmal doch nicht trauen kann. Sonst ist vor dem Besuch eines fremden Lokals oft schwer zu sagen, ob man es meiden möchte – hier fällt dieses lästige „Zuerst ausprobieren und dann Meinung bilden“ praktischerweise weg. Ein Blick und es ist klar: Nö danke. Dieses ehrliche Statement neben der Tür bewahrte mich davor, Menschen mein Geld zu geben, denen ich es keinesfalls geben möchte. Da helfen auch keine guten Rippchen. Wie viele schlechte oder mittelmäßige Lokalbesuche hätte ich mir bereits sparen können, wenn denn nur auf der Außenfassade fett „Wir können keine vernünftigen Aperol-Spritzer mixen“, „Unser Personal ist unfreundlich und bedient Sie nur äußerst ungerne“ oder „Unser Caesar-Salad ist nicht besonders gut, dafür aber klein und teuer“ gestanden hätte. Und wie gerne würde ich noch von viel mehr Lokalen ehrlich wissen, wie sie ticken, damit ich einen großen Bogen um sie machen kann. Vielleicht könnten sich alle Arschlochbesitzer einen kleinen Schaukasten zulegen, in dem Dinge wie „Wir verdienen zwar fett Kohle, aber unseren Mitarbeitern zahlen wir viel zu wenig“, „Das Fleisch, das wir verwenden, kommt aus fürchterlichen Bedingungen“ oder „Unser Geschirrspüler ist kaputt und unser Tellerwäscher legt nicht sehr viel wert auf Hygiene und Sauberkeit“ regelmäßig veröffentlicht werden. Es wäre fast schön, wenn sich so viele wie möglich ein Beispiel an der rockigen Bar in Bratislava nehmen. Dann würde auf den FPÖ-Plakaten auch endlich stehen: Wir sind rassistisch, sexistisch, homophob und uns ist der „kleine Mann“ total wurscht! Wir verarschen euch alle und ihr wählt uns auch noch! Muhahaha!

Ich hab da was gehört.. #25

Zwei Schülerinnen sitzen in der Straßenbahn.
„Sag mal ist die Brille eigentlich neu?“
„Ja! Also nein, nicht wirklich. Nur an mir ist sie neu. Die hab ich in einer Schublade im Schlafzimmer meiner Eltern gefunden. Die hatte meine Mama auch schon auf damals in den 70ern oder 80ern oder so. Also voll Vintage!!“
„Achsoooo! Darum schaut sie so beschissen aus!“
Die Brillenträgerin lacht kurz auf.
„Äh nein sorry, ich mein das wirklich so.“
„Oh. Okay… also… wirklich?… Also ich finde… Hmm. Nein also ich…“
Eine Frau, die neben ihnen steht, schaltet sich ein: „Also ich finde die Brille sehr schön. Und sie steht Ihnen auch ganz wunderbar!“ ♥

G-rant: Mülltonnen voller Nicht-Müll

Meine bessere Hälfte und ich wohnen nur wenige Minuten zu Fuß voneinander entfernt und in dem Umkreis unserer Wohnungen befinden sich was Supermärkte angeht ein Interspar, ein Eurospar, zwei Billas und ein Hofer. Wenn man noch einmal ein paar Meter drauflegt, kommt man zusätzlich zu einem Denn’s und einem Gourmetspar – dazwischen und rundherum gibt es natürlich noch Bäckereien und kleine Gemüsemärkte und Greißler. Über fehlende Nahversorgung können wir uns also nicht beschweren.

Bis Ende des Jahres 2015 war einer der zwei Billa-Märkte noch ein Zielpunkt und stand nach dem Konkurs des Unternehmens viele Monate leer. Seit August haben wir nun diesen neuen Billa, der für uns so Schönes und so Grausames vereint. Von Wohnungstür zu Billatür brauchen wir jetzt weniger als eine Minute, was einfach grandios ist, wenn am Samstag mal das Frühstück fehlt oder am Heimweg noch schnell etwas besorgt werden muss. Den Zielpunkt habe ich nur ganz selten besucht. Er war ungemütlich, ziemlich hässlich und die Qualität ließ oft auch zu wünschen übrig. In das Geschäftslokal wurde in der Zwischenzeit eine Menge Arbeit gesteckt, was das Einkaufen im neuen Markt um einiges angenehmer macht. Er ist allerdings nicht nur schöner, sondern bietet auch Dinge an, die Zielpunkt-Kunden nie gesehen hatten. Die Regale sind voll mit Zeug, das keiner braucht und keiner kauft. Es gibt beispielsweise eine große Theke voll mit diesen ganzen Fertigsandwiches und Fertigweckerln und Fertigsalaten und Fertigdressings und Fertigjoghurtmüslis und FertigalleswasmaneventuellwährenddesArbeitstagesverspeisenwürde. Und ich frage mich verdammt nochmal: WOZU?? Wir wohnen in einem Grätzl, in dem sich nicht gerade ein Bürokomplex an den nächsten reiht oder sich viele Studenten die Zeit vertreiben. Zur Erinnerung: nur wenige Schritte nach rechts und man steht vorm Eurospar, nur wenige Schritte nach unten und man steht vorm Interspar, nur wenige Schritte hinauf und man steht vor einem anderen Billa und in der vierten Richtung kommen Hofer, Gourmetspar und Denn’s. Das bedeutet, dass bei diesem neuen Billa nur wenige Häuserblocks ihre Einkäufe erledigen – und davon werden es viele so halten wie wir und nur die schnellen, wichtigen Sachen beim Billa kaufen und den Rest vielleicht doch bei günstigeren Supermärkten.

Worauf ich hinaus will: Ich entsorge meinen Müll im gleichen Müllraum wie dieser neue Billa. Und obwohl mir sehrwohl aus verschiedensten Beiträgen, Artikeln und Erzählungen bewusst war, wie viel jeden Tag in unserer Stadt so weggeschmissen wird, ist es dann doch ein Schock, den Inbegriff der Überfluss- und Wegwerfgesellschaft mehrmals die Woche so vor Augen geführt zu bekommen. Schon beim ersten Betreten des neuen Supermarktes war mir klar, dass das ganze Zeug nie jemand kaufen und konsumieren kann – nur wenige Zeit später bekam ich im Müllraum die Bestätigung dafür. Jedes Betreten des Raums bringt ein beklemmendes Gefühl mit sich. Es türmen sich Brot und Joghurts, Gemüse und Obst, Fertiggerichte und mehr. Alles davon genießbar, aber wohl nicht mehr verkaufbar. Das macht mich irrsinnig traurig und gleichzeitig so wütend. Auf das System. Auf die Konzerne. Auf unsere Gesellschaft. Auf mich selbst?

Glücklicherweise habe ich festgestellt, dass die Dumpster-Szene in Wien auch schon auf den Raum aufmerksam geworden ist und die Mülltonnen oft ausräumt. Oft genug jedoch auch nicht. Ich besitze leider weder ein Auto noch ein extrem ausgeprägtes Weltrettergen und die Zeit um diese vielen Lebensmittel ständig zu bergen und an Verteilplätze zu bringen. Darum sollte an dieser Stelle ein kleiner Aufruf stehen. Dass Wienerinnen und Wiener, die gerne Lebensmittel retten möchten, aber vielleicht nicht die Plätze/Leute dafür kennen bzw. keinen Schlüssel für die Müllräume besitzen, mich gerne kontaktieren können. Dass ich Interessierten Informationen zukommen lasse und auch gerne den Müllraum öffne, damit die Lebensmittel ein neues zu Hause finden. Leider bin ich darauf aufmerksam gemacht worden, dass es Probleme mit der Hausverwaltung geben und Konsequenzen für mich haben könnte, wenn ich regelmäßig fremden Personen den Zutritt zu unserem Müllraum gewähre und es eventuell sogar ein Grund für eine Mietvertragskündigung sein könnte. Aus diesem Grund muss ich mich hier noch schlauer machen und vorerst auf mein Angebot verzichten, allerdings gebe ich dennoch gerne Informationen an LebensmittelretterInnen (mit Müllraumschlüssel!) weiter, wo denn dieser Raum zu finden ist. Hinterlasst mir einfach einen Kommentar mit eurer Mailadresse oder schreibt mir auf dielyra (a) gmx.at!

In Wien wird täglich jene Menge an Brot als Retourware vernichtet, mit der die zweitgrößte Stadt Österreichs, das ist Graz, versorgt werden kann.
Dieser Satz bestürzt seit dem Jahr 2005 tausende Kinobesucherinnen und -besucher des österreichischen Films „We feed the World“ von Erwin Wagenhofer.
Im Kinofilm „Taste the waste“ vom Filmemacher Valentin Thurn wird berichtet: „Die Lebensmittel, die wir in Europa und Nord-Amerika wegwerfen, würden ausreichen, um die Hungernden der Welt dreimal zu ernähren.“ (Quelle: www.wien.gv.at)